Die folgenden Fallbeispiele wurden uns von den Angehörigen der betroffenen Personen für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Aus Respekt vor den Patienten und ihren Familien haben wir Namen und Orte entfernt oder geändert.

Wolfgang B. (79)

Wolfgang B. (79) aus Frankfurt am Main hat sich im Februar 2019 den Oberschenkelhals gebrochen. In der Klinik angekommen, teilte er den Ärzten mit, dass er seit 16 Jahren an Parkinson leidet und entsprechende Medikamente nimmt. Nach der Operation setzte das Ärzteteam der Chirurgischen Abteilung seine Parkinson Medikation ab, ohne einen Neurologen zu konsultieren. Der plötzliche Entzug der Medikamente führte zu einem lebensbedrohlichen Akinese Schock. Erst nach einem Schreiben der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung an den leitenden Oberarzt der Abteilung wurde nach über zwei Wochen ein Neurologe hinzugezogen. In der Zwischenzeit waren ein Dekubitus, hohes Fieber und eine Lungenentzündung hinzugekommen, die einen Aufenthalt auf der Intensivstation notwendig machten. Erst hier erhielt Wolfgang B. die erforderlichen Parkinsonmedikamente. Nach einem weiteren Aufenthalt in der Neurologie und Geriatrie ist Wolfgang im April 2019 verstorben.

Frau J.

Frau J. hatte sich im November 2018 bei einem unglücklichen Sturz im Schlazimmer einen Wirbel verletzt. Damit begann ihre Reise von der sie nie nach Hause zurückkehren sollte. Als sie in die Klinik kam, war sie noch recht fit. Sie hat täglich ihre Runden mit dem Rolator gedreht, konnte ihr Handy bedienen und ihre Medikamente schlucken. Dann wechselte sie in eine andere Klink und verlor von da an alles was sie konnte. Auf die Hinweise, dass sie ihre Tabletten nicht mehr selbständig einnehmen konnte , wurde kaum reagiert. Ihr wurden die Tabletten auf den Tisch gestellt, ohne dabei auf ihre Einnahmezeiten zu achten. Nach dem Klinikaufenthalt musste sie zwischen dem Krankenhaus, dem Altenheim und der Reha hin und her pendeln. Diese Belastung war für sie so groß, dass sie kaum noch Nahrung zu sich nehmen wollte. Nach einer Darm-OP wurden ihre Parkinsonmedikamente abgesetzt und Frau J. bekam einen leichten Schlaganfall. Stefanie J, ihre Tochter sagt dazu: „Ich bin ehrlich: Hätten die Ärzte und die Schwestern sich mehr Gedanken über Parkinson gemacht, wäre der leichte Schlaganfall wahrscheinlich nicht passiert. Den bekam meine Mutter, weil ihre Medikamente abgesetzt wurden, … So zog sich immer eins nach dem anderen, bis sie schließlich zur Ruhe kam.“

Verdrehte Welt

Ein bisschen Window-Shopping in einer fremden Stadt, unglücklich stürzen und schon haben wir den Salat.

Meiner Freundin Gisi ist das passiert, gerade vor ein paar Tagen. Mit gebrochener Hüfte wurde sie per Ambulanz in das nächste kleine Kreiskrankenhaus gebracht. Das Personal schickte sie weiter in eine größere Klinik in der benachbarten Stadt. Nicht, weil ihr Hüftbruch kompliziert gewesen wäre, sondern weil sie Parkinson hatte. Das Personal war damit überfordert und gab zu, dass ihnen das Wissen fehlte, um Gisi kompetent behandeln zu konnten.

In der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses herrschte Chaos. Gisi musste 5 Stunden warten, bis ein Arzt mit ihr sprach. Sie hatte bei der Einweisung darauf aufmerksam gemacht, dass sie Parkinson hatte. Man versprach ihr, einen Neurologen zu konsultieren. Die Konsultation erfolgte Stunden später telefonisch und es war Gisi schnell klar, dass sich dieser Neurologe ebenfalls nicht mit Parkinson auskannte.

In was für einer verdrehten Welt leben wir, wenn der Chirurg vor der OP die Patientin fragt, welche Narkosemittel er einsetzen soll? Wenn die Patientin in ihrer eh schon schwierigen Lage wie eine Löwin dafür kämpfen muss, dass man ihr nicht die Parkinson Medikamente wegnimmt. Was wäre passiert, wenn sie nicht bei Bewusstsein gewesen wäre oder aus anderen Gründen nicht hätte sprechen können?

Gisi‘s Parkinson manifestiert sich in ihren Beinen, die so steif sind, dass sie ihre Knie nicht mehr beugen kann. Durch den Stress und die Schmerzen, hatte sie nach der OP Krämpfe in den Beinen und extreme Überbewegungen. Eine typische Reaktion aufgrund des Parkinsons. Trotz Konsultation des Neurologen hieß es dann aber, man wisse nicht, ob die Krämpfe durch den Parkinson oder die OP verursacht seien.

Ich bin froh, dass Gisi sich nicht so schnell unterkriegen lässt. Die Operation ist gut verlaufen, sie ist eine Kämpfernatur. Sobald es geht, wird sie sich in die Parkinsonklinik ihres Vertrauens verlegen lassen, dafür wird sie sorgen, dessen bin ich mir sicher.

Mir ist mulmig zumute und mir gehen ganz viele Szenarien durch den Kopf, die alle in einer Frage münden:

Muss ich als Parkinsonkranke Angst vor dem Krankenhaus haben?

Wäre in Gisi’s Fall eine Parkinson-Nurse anwesend gewesen, wie viel Schmerz und Stress hätte bei ihr und dem Krankenhauspersonal vermieden werden können!

Ich kann wegen dieser und vieler anderer Geschichten, nur jedem Menschen mit Parkinson raten: Sei vorbereitet auf den Notfall. Fülle den Notfallausweis aus und trage ihn immer bei dir. Ich, für meinen Teil, werde das jetzt sofort tun.

Verdrehte Welt 2

Gisi kommt in der Klinik nicht zur Ruhe - in vielerlei Hinsicht.

Im letzten Beitrag berichtete ich von der Reaktion des Arztes auf ihre ausgeprägten Überbewegungen - dass es nicht unbedingt vom Parkinson herrühren muss, es könne ja auch mit der OP zusammenhängen oder ganz etwas anderes sein.

Eine Freundin, die zu Besuch war, konsultierte kurzerhand eine verlässliche Webseite über die Nebenwirkungen des Schmerzmittels, das Gisi nach der OP bekommen hatte: Es kann bei Menschen mit Parkinson Dyskinesie auslösen (also Überbewegungen).

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht die Ärzte oder die Pflegekräfte kritisieren. Sie tun ihr allerbestes, um den Patienten zu helfen. Das ist ihr Job. Es ist auch sicherlich nicht leicht für sie einzuschätzen, ob die Kompetenz des Patienten fundiert ist oder nicht. Schließlich stehen sie vor einem wildfremden Menschen.

Meine Kritik gilt dem System, dem Gesundheitswesen, das hier und in ganz viele anderen Fällen schlicht und ergreifend versagt. Nicht umsonst werden jetzt viele Stimmen laut, die auf den Pflegenotstand in Deutschland hinweisen. Gisi ist nicht die einzige, die unter Personalmangel und Misswirtschaft an Krankenhäusern leiden muss. Nur hat sie als „kleine Besonderheit“ eine chronische Krankheit mit im Gepäck. Das reicht schon, um die Misere auf die Spitze zu treiben.

Morgens bei der Visite standen die Ärzte um ihr Bett und diskutierten den Fall Gisi. Man zog allen Ernstes in Erwägung, sie in ein Pflegeheim zu verlegen. Wenn es sich nicht um die Lebensqualität und Rechte eines Menschen handeln würde, wäre für mich jetzt der Zeitpunkt gekommen lauthals zu lachen.

Aus den Augen, aus dem Sinn… ist das wirklich eine Lösung?

Verlegen, ja. Dazu würde ich, ehrlich gesagt auch raten. Aber wenn, dann in eine Parkinsonklinik, in der Gisi kompetent behandelt werden kann und von denen es in der Nähe genügende zur Auswahl gibt. Noch besser wäre es, wenn die Kompetenz ausreichend im Haus vorhanden ist, damit es zu solchen  Situationen gar nicht erst kommt. Was kostet es, eine Parkinson Nurse auszubilden, oder das Krankenhauspersonal über Parkinson und andere chronischen Krankheiten zu informieren?

P.S. Ich habe gerade erfahren, dass Gisi in die Parkinsonklinik ihres Vertrauens verlegt wird. Ich bin sehr erleichtert.

© May Evers